Seit einer Woche entsteht das teuerste Bauuwerk der Menschheitsgeschichte. Das erste russische Bauteil der Internationalen Raurnstation ist im Orbit. Nächste Woche folgt das erste amerikanische Modul. Ein Schauspiel, das sich bald alle paar Monate wiederholen wird - wenn alles gutgeht.
Das angeblich so epochale Ereignis wird von der Öffentlichkeit eher kühl zur Kenntnis genommen. Niemand schaut verträumt zum Himmel, wo die anderthalb Fußballfelder große Station dereinst mit bloßem Auge zu erkennen sein wird.
Als die Astronauten noch zum Mond flogen, war das anders. Dort steht die US-Flagge nun schon seit 30 Jahren. Den Flug zum Mars, auf dem man die nächste Flagge aufpflanzen könnte, will niemand bezahlen. Also dreht sich die Raumfahrt im Kreis - Immer rund um den Globus.
Weil weder Eroberergeist noch der Wettlauf mit den Russen als Begründung für das 100-Milliarden-Dollar-Projekt herhalten können, versprechen uns die Veranstalter wissenschaftliche Durchbrüche, Es wird suggeriert, dort oben ließen sich All-Heilmittel für Grippe, Krebs und Aids entdecken. Solche Versprechen halten keiner kritischen Prüfung stand. Zwar kann man in der Schwerelosigkeit besser Kristalle züchten, an denen auch die Pharrnaindustrie interessiert ist, aber das Verhältnis von Aufwand und Nutzen ist grotesk. Und Menschen sind bei diesen Experimenten eher hinderlich, weil sie mit ihrem Getrampel die Mikrogravitation stören
Trotz der dünnen Argumente für die Station zahlen europäische und amerikanische Steuerzahler die Zeche für den modernen Babelhau im All bisher ohne Murren, die USA finanzieren sogar den russischen Anteil weitgehend mit. Woher kommt dieser Gleichmut? Die Deutschen wird die Raumstanon ungefähr zweieinhalb Milliarden Mark kosten. Das ist etwa die Hälfte des Zuschusses für den heftig befehdeten Transrapid - und mit dem könnten sie wenigstens irgendwann einmal fahren.
Daß man die eine Technik bekämpft und die andere weitgehend ignoriert, rührt vielleicht daher, daß für den Bau der Raumstation keine Trasse durch den eigenen Vorgarten geführt werden muß. Im All hat das Sankt-Florians-Prinzip keine Gültigkeit, und es wird auch kein Biotop zerstört, Trotzdem sollten sich Nasa und Esa noch ein paar bessere Argumente für ihr Prestigeobjekt überlegen - sonst zieht es vielleicht bald als halbfertige Ruine seine Bahn.
CHRISTOPH DRÖSSER Die ZEIT 49, 26.11.98