Entmannt die Raumfahrt !
 

Die Zukunft gehört nicht den Zaghaften, sie gehört den Mutigen", erklärte Ronald Reagan Ende Januar, einen Tag nach dem die Raumfähre ,Challenger", 75 Sekunden nach dem Start, explodiert war und sieben Raumfahrer in den Tod gerissen hatte.

Eine so spektakuläre Katastrophe, kein Zweifel, fordert heraus zu Durchhalteparolen und Tröstungen - bei Astronauten, die das ,,Abenteuer Weltraum" suchen, und noch mehr bei Politikern, die seit Kennedys Mondfahrtprogramm gelernt haben, wie mit der bemannten Raumfahrt Prestige eingeheimst und Nationalbewußtsein hervorgerufen werden kann. Wo sonst vereinigen sich noch so dramatisch und werbewirksam moderne Großtechnik und heroische Einzelschicksale?

Wie steht es aber mit besagten ,,Mutigen" im Weltraum? Was für Columbus, Maghellan, Amundsen oder die Emigranten, die im letzten Jahrhundert scharenweise nach Amerika übersiedelten, richtig war - bleibt es gültig, wenn wir uns den Rest des Sonnensystems vornehmen?

Die Antwort ist ein klares Nein. Der Mensch ist im All fehl am Platz. Oft ist er sogar ein Störfaktor - etwa bei Experimenten, die auf absolute Schwerelosigkeit bauen. Wer menschliche Präsenz im Raum für unverzichtbar hält, verschweigt, daß konsequente Automation die Astronauten schlichtweg ersetzen kann. Menschen im All verteuern und verzögern die Weltraumfahrt, da extrem hohe Sicherheitsstandards den Einbau komplizierter und kostenträchtiger Lebenserhaltungssysteme erfordern. Der Mensch im All behindert eine effiziente Raumfahrt.

Natürlich muß seinetwegen auch die Nutzlast hohen Sicherheitsanforderungen genügen. Jeder Astronom, der einen Satelliten auf Shuttle Norm bringen muß, weiß da von ein Lied zu singen: Anders als bei unbemannten Raketenflügen müssen für jedes Kabel Sicherheitstests vorgelegt werden, nur weil die Sonde im Shuttle gemeinsam mit Menschen transportiert wird. Das verschlingt Zeit und verdoppelt mindestens die Kosten.

Liveschaltung zum ,,Spacelab" Anfang Dezember 1983 während der ,,Tagesschau". ,,Herr Merbold' meine erste und wichtigste Frage", hebt Bundeskanzler Kohl an: ,,Wie geht es Ihnen?" Dies war das teuerste Bild-Telefonat in der Geschichte der Bundesrepublik. Denn den Amerikanern wurden bei dieser Gelegenheit 1,2 Milliarden Mark für den Bau des Weltraumlabors geschenkt. Und den Großteil dieser Summe bezahlte die Bundesrepublik für die Astronauten und deren Sicherheit. Dabei waren nur mit Mühe Aufgaben gefunden worden, die ihre Anwesenheit im Weltraum rechtfertigten.

Es ist überraschend, daß ein so rationales Unternehmen wie die Raumfahrt der atavistisch anmutenden Idee anhängt, es müßten allemal Astronauten mit von der Partie sein, ,,Der Mensch bricht auf in den Weltraum - wozu eigentlich?" wagten im Schatten des Challenger-Debakels amerikanische Kritiker wieder zu fragen. Und aus berechtigter Angst, Kunden an die europäische Raumfahrtbehörde Esa mit ihrer ,,Ariane" zu verlieren, erinnerte sogar die Nasa an ihre leistungsfähige ,,Titan"-Rakete - die nach einem Umbau gleichfalls sehr schwere Satelliten hochheben könnte -, deren Einsatz die US-Regierung zugunsten des Shuttle praktisch unterbunden hatte.

Dabei ist der erdnahe Weltraum zweifellos ein Labor mit einmaligen Vorzügen:
 

Seit Beginn der Raumfahrt nutzt die Menschheit diese Vorzüge. Aber in keinem Fall sind dafür Menschen im All wirklich notwendig gewesen. ,,Bislang hat es in erdnahen Umlaufbahnen keine Aufgaben gegeben, die eine Mitwirkung von Menschen erforderlich gemacht hätten", kommentierte der Weltraumwissenschaftler Erhard Keppler vom Max-Planck-Institut für Aeronomie die deutschen Spacelab-Aktivitäten.

Daß sich ,,intelligente" Automaten selbst für Expeditionen zu anderen Planeten her vorragend eignen, hat nicht erst im Januar, vier Tage vor dem Challenger-Unglück, die Voyager-Sonde bewiesen, die sichdem knappdrei Milliarden Kilometer entfernten Uranus bis auf 81000 Kilometer näherte: Schon vor zehn Jahren landeten die Sonden Viking 1 und 2 auf dem Mars, schürften Bodenproben und analysierten diese im bordeigenen Chemielabor. In der kritischen Abstiegsphase mußten dieVehikel die Steuerung bereits selbst übernehmen: Die große Entfernung hätte kein unmittelbares Eingreifen von der Erde aus gestattet. Und verglichen mit heutiger Robotik und Mikroelektronik stammte die damalige Schaltungstechnik noch aus der Computersteinzeit.

Auch die Präsenz der amerikanischen Astronauten auf dem Mond war nicht unverzichtbar. Damals wie heute fallen die Entscheidungen über die Tätigkeiten von Astronauten in der irdischen Bodenstation. Hier werden die Daten ausgewertet und Fehlersituationen simuliert, und von hier gehen die Weisungen an die Astronauten. Da sie nur durch Maschinen ersetzbare Handlanger der Bodenstation sind, ist ihre Mitwirkung kaum zu rechtfertigen.

Die Planer mußten sich also etwas einfallen lassen. So sind die Geräte und Experimentabläufe zum Teil bewußt so konzipiert, daß dem Bordpersonal der letzte Handgriff vorbehalten bleibt: Die Filmkassetten des ,,Skylab" etwa lassen sich nur außenbords entnehmen.

Daß die physische Gegenwart der Astronauten in einigen Fällen einfach stört, und zwar durch unvermeidbare Erschütterungen, ist allen Weltraumforschern bewußt. Niemand käme etwa auf die Idee, das größte astronomische Weltraumprojekt der nahen Zukunft, das ,,Space Telescope", zu bemannen. Menschen an Bord der fliegenden Stemwarte würden die exakte Orientierung der Sensoren auf bestimmte Himmelsobjekte nur erschweren.

Ob Satelliten mit einem Shuttle zuverlässiger und billiger in den Weltraum gehievt werden, darf gleichfalls bezweifelt werden: Drei der 31 teuren Wunderwerke gingen beim Aussetzen verloren und mußten mühsam und kostspielig wieder eingefangen werden. Und die Kosten pro Raumflug stiegen von anfangs geschätzten 27 Millionen Dollar auf inzwischen 180 Millionen Dollar - dies war der Preis der Shuttle-Fahrkarte für die deutsche D 4-Mission vom letzten Oktober. Damit unterscheidet sich die Kosten/Nutzen-Relation des Shuttle nicht mehr von derjenigen der ,,Wegwerfraketen" , die ja gerade aus Kostengründen durch einen wiederverwendbaren Raumtransporter abgelöst werden sollten. Daß bisher nur sechs statt 60 Shuttles pro Jahr gestartet wurden, macht die Entscheidung der Europäer, ihr ,,Spacelab" an die US-Raumfähre zu binden, zusätzlich problematisch, zu mal in Anbetracht der jüngsten Katastrophe.

Fast euphorisch wird der Weltraum immer wieder als der rechte Platz für künftige industrielle Produktionen an gespriesen: etwa für hochreine Pharmaka oder Metall-Legierungen, die unter Erdschwere nicht herzustellen sind. Doch schon allein das geringe Interesse der deutschen Industrie sollte bedenklich stimmen. Nur fünf deutsche Firmen waren bislang mit von der Partie, obwohl das Bundesforschungsministenum 80 Prozent der Kosten übernahm. Dies reichte offenbar als Anreiz nicht aus, denn die Versuchsapparaturen werden im Weltraumlabor zehn- bis 100mal so teuer wie auf der Erde.

Oft wird übersehen, daß bemannte Flugkörper bestimmte Bahnen einhalten müssen. In manchen Orbits steigt die Strahlenbelastung so stark an, daß Menschen gesundheitliche Schäden davontragen können - Bahnen, die über die Pole führen oder - in größeren Höhen - durch die sogenannten Van-Allen-Gürtel des Erdmagnetfeldes. Auch die für 1992 geplante amerikanische Raumstation birgt solche Risiken für die Besatzung. In der vorgesehenen Bahahöhe von 500 Kilometern muß ein Astronaut wegen der Weltraumstrahlung schon nach einem Monat wieder abgelöst werden.

Bleibt zu fragen, warum gerade die Militärs - das Pentagon ist der Hauptnutzer des Shuttle-Systems - Menschen im All haben wollen. Denn auch als militärische Basis ist die Raumstation nicht sinn voll: Sie ist wegen ihrer Größe und ihrer Bahn im Ernstfall ein zu leichtes Ziel. Niedriger kreisende Überwachungssatelliten aber arbeiten ohnehin automatisch. Bleibt nur das Argument, daß es die Russen auch machen.

,,Nicht einmal in fernster Zukunft glaube ich an ein Ende der bemannten Raumfahrt", bekennt Harry 0. Ruppe von der Technischen Universität München. Ihm erscheint es ,,zweifelhaft, ob Roboter Menschen gänzlich ersetzen können". Und selbst wenn dies gelänge: Es verbliebe ,,das irrationale Motiv, daß ich nach Afrika reisen will, obwohl alle Informationen hier verfügbar" sind. Sollen Astronauten tatsächlich die Dr. Livingstones der Gegenwart spielen?

Zwar würde sich manches geplante Weltraumunternehmen zunächst verzögern, wenn es von jetzt an ausschließlich auf Roboter- Betrieb umgestellt würde. Aber längerfristig würde Zeit gewonnen. Denn die fixe Idee von der Bemannung hat ja gerade dazu geführt, daß bislang erheblich in konventionelle Technik investiert wurde. ,,Welche Möglichkeiten hätten sich eröffnet", sagt Keppler, ,,wenn mit dem vielen Geld, das in die Herstellung und die zahllosen Tests der Lebenserhaltungssysteme für die Astronauten gesteckt wurde, automatische Geräte entwickelt worden wären?"

Wozu schließlich auch die Eile. Das Weltall läuft uns nicht fort. Eine Million Jahre lang hat es die Entstehung des Homo sapiens mit angesehen. Es wird auch fünf Jahre später noch dasein. []
 

Dr.rer.nat. Reinhard Breuer, GEO 3/86