Astronaut - ein Job von gestern

Träume haben ein zähes Leben. Vor allem, wenn sie als ,,Menschheitstraum" gelten. So zerstob die Vision von einer egalitären, gerechten Gesellschaft, wie sie der ,,wissenschaftliche" Marxismus Leninismus versprach, erst nach gut sieben Jahrzehnten an der Realität. Mit dem Verfall der Sowjetunion aber gerät ein weiterer hochfliegender Menschheitstraum ins Trudeln: die bemannte Weltraumfahrt.

Deren logisches Fundament war von Anfang an nicht sonderlich tragfähig und ist im Westen unter einem Hagel wissenschaftlicher und technischer Argumente längst fast völlig erodiert - vor allem seit der ,,Challenger"-Katastrophe.

Erst im letzten Juli ließen 14 US-Wissenschaftsverbände den Präsidenten und den Congress wissen, die geplante Raumstation ,,Freedom" sei eine schiere Verschwendung von Steuergeldern. Sämtliche wirtschaftlich oder wissenschaftlich sinnvollen Vorhaben im All ließen sich auch ferngesteuert oder mit Robotern durchführen - wesentlich billiger und flexibler sowie ohne Gefahr für Leib und Leben der Raumfahrer.

Bei dieser Attacke auf die berufliche Zukunft der Astronauten ging es um mehr als um ein frühes Aus für ,,Freedom". Sie zielte ins Herz des amerikanischen Traums von der ,,new frontier" im All, von der Besiedlung neuen Territoriums auf Mond, Mars und anderswo. Denn ohne eine ständig bemannte Raumstation hätte der Space Shuttle keine Existenzberechtigung mehr, wären die von Präsident George Bush anvisierten Ziele einer bemannten Mond-Basis und eines bemannten Fluges zum Mars bis zum Jahr 2019 obsolet.

Makulatur wären auch die Pläne der Europäischen Raumfahrtagentur ESA' das Modul ,,Columbus" an die US-Raumstation anzudocken und zu dessen Versorgung eigene Astronauten mit dem dreisitzigen Euro-Shuttle ,,Hermes" in den Orbit zu schicken. Hinfällig wären dann wohl auch die futuristischen Projekte für Weltraum-Flugzeuge ä la ,,Sänger" (siehe Seite 102). Mit anderen Wonen: Ohne ,,Freedom" wäre die bemannte Raumfahrt des Westens am Ende.

Noch einmal aber setzten sich die orthodoxen Verfechter der Idee einer menschlichen Mission im All durch: Präsident und Congress bewilligten weitere Mittel für die 37 000 Millionen Dollar teure US- Raumstation, deren Bezug ursprünglich für nächstes Jahr - zum 500. Jahr der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus - geplant war, inzwischen aber frühestens 1999 möglich ist.

Zugleich wurden jedoch Projekte der Grundlagenforschung, vor allem auch der Nasa, eingefroren oder gestrichen - mit teils verheerender Wirkung für die betroffenen Forschungsgebiete: So unter anderem der Antarktisforschung-Etat der National Science Foundation, des amerikanischen Pendants zur Deutschen Forschungsgemeinschaft um 105 Millionen Dollar gekürzt werden - auf die Hälfte des für 1991 bewilligten Betrags. Kein Wunder, daß Wissenschaftsorganisationen gegen diese kalte Plünderung ihrer Etats zu gunsten der bemannten Raumfahrt Sturm laufen.

Ähnliche Proteste aus gleichem Grund hagelt es - von der Max-Planck-Gesellschaft bis zur Deutschen Physikalischen Gesellschaft - seit Jahren auch in Deutschland. Dennoch sah es bei Redaktionsschluß dieses Heftes nicht so aus, als ob sich die Bundesregierung bei der entscheidenden Sitzung des ESA-Rats vom 18. bis 20. November in München dafür stark machen würde, die vor allem von Frankreich forcierten Projekte ,,Columbus" und ,,Herrnes" zu begraben. Dabei sind bereits jetzt gigantische Kostenüberschreitungen absehbar. Und schon heute öffnen sich in der mittelfristigen Finanzplanung des Bonner Forschungsministeriums jährliche Defizite von 530 bis 910 Millionen Mark. Offenbar haben die Bonner Politiker nichts aus dem Desaster des ,,Schnellen Brüters" von Kalkar gelernt.

Noch treiben pseudo-logische Argumente aus Jules Vernes Zeiten - nach dem Motto ,,für was sonst ist das Weltall da?" - vermeintlich nüchterne Raumfahrt-Ingenieure und -Manager an, phantastische Projekte zu verfolgen, deren einziger Sinn die Anwesenheit von Menschen jenseits der schützenden irdischen Lufthülle ist. Und noch immer schwadronieren Politiker, wie beispielsweise der Berliner Wissenschaftssenator Manfred Erhardt am 30. September bei der Eröffnung des ,,Planetarischen Kongresses" der Vereinigung der Weltraumfahrer, von ,,der Verwirklichung eines uralten und immer lebendigen Traumes der Menschen"

Dabei ist nicht nur das rationale, sondern auch das emotionale Fundament der bemannten Raumfahrt - von der westlichen Öffentlichkeit bisher kaum wahr genommen - an einer tragenden Stelle unterspült: Mit der zweiten russischen Revolution vom August dieses Jahres stürzte auch das Argument von der drohenden ,,roten Herrschaft im All" in sich zusammen.

,,Die einzige Startrampe" für die bemannte Raumfahrt, hatte einst Nikita Chruschtschow gedröhnt, ,,ist der Sozialismus". Und in der Tat hatten die Sowjets unter Chruschtschow mit dem Sputnik von 1957 und Juri Gagarins Erstflug von 1961 den Amerikanern die Schau gestohlen - und sie damit in den sechziger Jahren zum Kraftakt der bemannten Mondflüge gepuscht.

Diese Konkurrenzsituation existiert nicht mehr. Zwar kreisen Kosmonauten weiterhin in ihrer Orbitalstation ,,Mir", zwar befördern die Nachfolger Gagarins inzwischen gegen harte Währung auch japanische TV-Reporter oder österreichische ,,Austronauten" in den erdnahen Weltraum. Aber die katastrophale wirtschaftliche Lage Rußlands und der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken läßt keinen anderen Schluß zu: Die ungeheuer aufwendige Kosmonauten-Herberge läßt sich nicht mehr lange bewirtschaften. Denn auch die westlichen Interessenten angebotenen Fahrpreise wurden, wie sovieles im real existierenden Sozialismus, nicht nach den tatsächlichen Kosten kalkuliert.

Die einst glorreiche bemannte Raumfahrt der Sowjetunion ist also praktisch am Ende. Boris Jelzin hatte schon 1990 gedroht, daß Rußland aus dem sowjetischen Raumfahrtprogramm aussteigen würde, wenn die Militärausgaben der UdSSR nicht reduziert würden. Heute, als mächtiger Präsident Rußlands, läßt er unverblümt durchblicken, daß er am weiteren Ausbau der ,,Startrampe Sozialismus" nicht interessiert ist. Sowjetische Raumfahrtprojekte bekommen nur noch Drei-Monats- Etats, die für 1994 geplante unbemannte Mars-Mission wurde verschoben, das Budget für die Projektstudien eines bemannten Marsfluges halbiert.

Angesichts des Ausfalls der sowjetischen Konkurrenz zieht in den USA, in Frankreich und auch in Deutschland das Argument nicht mehr, bemannte Raumfahrt sei zum Beweis nationaler Größe nötig. Schon nach der ,,Challenger"-Katastrophe hatte Reinhard Breuer im GEO Forum (Nr. 311986: ,,Entmannt die Raumfahrt!") die wesentlichen wissenschaftlichen, technischen und medizinischen Argumente wider den Einsatz von Astronauten aufgelistet. Sie gelten heute, gut fünf Jahre und knapp zwei Dutzend Shuttle-Flüge später, mehr dennje.

Hinzugekommen sind weitere, noch zwingendere Details: Im Sommer dieses Jahres hat das erste größere biomedizinische Forschungsprojekt der Nasa seit 1974 (!) an Bord der Raumfähre unter anderem ergeben: Die Folgen des langen Aufenthalts in der Schwerelosigkeit sind so gravierend, daß Astronauten etwa bei einem Flug zum Mars ,,künstliche Schwerkraft" benötigen, also nach Art eines Karussels rotierende Mannschaftsquartiere - Planung und Durchführung einer solchen technischen Maßnahme zur Lebenserhaltung im All würden weitere Dollarmilliarden verschlingen. Vor allem, so legen die jüngsten Erkenntnisse aus sowjetischen Dauerflügen nahe, hält es selbst ein durchtrainierter, hochmotivierter Raumfahrer nicht mehr als ein Jahr in einer Raumkapsel aus: Er stößt an die absoluten Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit.

Trotzdem und als wären die Kassen noch so voll wie zu ,,Apollos" Zeiten, verkündeten die versammelten Astro- und Kosmonauten des ,,Planetarischen Kongresses" Anfang Oktober in Berlin, das nächste Ziel der bemannten Raumfahrt sei der Mars. Dabei ist die wissenschaftliche Erforschung unseres Nachbarplaneten mit unbemannten Raumsonden und Landerobotern im Rahmen der allgemeinen Forschungs aufwendungen durchaus durchführbar. Politikern und Laien heute also noch die Köpfe zu verdrehen mit unbezahlbaren, unnützen und damit größenwahnsinnigen Astronauten-Trips ist schlicht unseriös.

Wenn denn trotzdem eine Nation oder gar die Menschheit irgendwann meint, Raumfahrer zum Roten Planeten schicken zu müssen, dann werden diese Pioniere kaum noch mit Kolumbus verglichen werden können wie einst Neil Arinstrong, der am
20. Juli 1969 als erster Mensch den Mond betrat: ,,Ein kleiner Schritt für einen Mann, aber ein großer Sprung vorwärts für die Menschheit." Vielmehr werden sie wie Pauschaltouristen auf einem Planeten landen, dessen Geheimnisse längst von dienstbaren Robotern enthüllt worden sind.

Günter Haaf, GEO 12/91